Vor dem Fest – Markus Schwarz

Unsere Veranstaltungsreihe Auf das Maul ist der Versuch, junger Literatur eine Bühne zu bieten und Text mit Palatschinkengenuss zu verbinden. Bei der zweiten Ausgabe las neben Lukas Meschik und Ariadne Carrasco ein Mitglied von unserem Verein: Markus Schwarz. Einen Text, der an diesem Abend zum ersten Mal vorgetragen wurde, kann hier nachgelesen werden:


Vor dem Fest

Markus Schwarz

Eine alte Frau steht vor der Kirche und wirft Schwedenbomben auf die uringelbe Nordmauer. Ein alter Mann wankt aus dem Wirtshaus zu seinem Auto und sperrt die Beifahrertür auf. Zwei junge Mädchen ertränken eine Katze im Fluss. Der pensionierte Polizist wundert sich über die klatschenden Geräusche an der Kirchenmauer während er seine Sünden in den Beichtstuhl wirft, um für das Fest bereit zu sein. Selig verlässt er das Gebäude wieder bis zum nächsten Jahr und winkt dem alten Mann zu, der inzwischen versucht, vom Beifahrersitz den Fahrersitz zu erreichen. Mit dem linken Fuß dreht er dabei sein Autoradio auf volle Lautstärke und der Lokalradiosender beschallt krachend den ganzen Dorfplatz mit den Wetteraussichten für das kommende Festwochenende.

„Vergiss nicht auf deine Jacke. Es ist kalt.“

Igor verdreht die Augen bei dem Gedanken, dass er schon wieder als einziger mit Funktionsjacke am Fußballplatz auftauchen wird. Die quietschenden Geräusche des Billigmodells verraten ihn jedes Mal, wenn er und seine Freunde sich mit den Softguns erschießen. So gut kann sein Versteck nicht sein – sobald er sich einen Schritt bewegt, findet er sich im gelben Kugelhagel wieder. Er streift den türkis-schwarzen Poncho über seine Schultern und wirft die Plastikpistole in seinen Rucksack, den er bei der Ortsbank als Geschenk für seine Einzahlung am Weltspartag erhalten hat. Igor steigt auf sein Moped, tritt ein paar Mal in den Kickstarter und wirft sich langsam und mit Vollgas in die bevorstehende Schlacht.

Die Ernte war gut in diesem Jahr, es wird sicher genug sein für das Fest. Die Maschinen laufen seit Tagen im Dauerbetrieb, die Höfe rund um das Dorf sind verklebt von den süßen Spritzern, die beim Pressvorgang den Boden bedecken. Es riecht nach Magenschmerzen und Explosionsgefahr. Ein paar Fässer müssen noch befüllt werden, ein paar Gläser gehören noch gewaschen. Die Männer wirken benebelt von den Dämpfen der Arbeit und befeuchten ihre Kehlen mit dem unfertigen Produkt. Vor dem Fest wird die Qualität noch strenger bemessen als während des restlichen Jahres. Das uringelbe Getränk schmeckt den Dorfbewohnern gut, es ist so bitter wie sie selbst.

In der Nacht vor dem Fest schweigen die Menschen. Der Dorfplatz ist dunkel, man sieht nur einen Lichtpunkt: Auf dem Kirchturm beleuchtet ein Baustellenstrahler die nachgehende Kirchenuhr. Zwei Mädchen spazieren daran vorbei und lachen, als hätte die Uhr einen Scherz gemacht. Aus der Dunkelheit hört man das Grunzen eines Mannes. Die Mädchen erschrecken sich und laufen nach Hause. Morgen wird es schön.

Das ganze Dorf hat sich für diesen Tag herausgeputzt: Die Rasen wurden gemäht, die Autos vom Schlamm befreit, die Mülltonnen geleert, die Sträucher geschnitten, die Gräber geschmückt. Der örtliche Jugendverein marschiert in Uniform auf: Ihre selbstbedruckten weißen Poloshirts sind von den vorherigen Festen schon fleckig und den meisten Mitgliedern viel zu klein. Die Blaskapelle stimmt seit den Morgenstunden ansatzlos die Trompeten. Die Feuerwehr parkt ihr neues Löschfahrzeug prominent auf dem Dorfplatz, direkt neben dem Auto, in dem der alte Mann noch immer in der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen schläft. Die Autobatterie ist inzwischen leer, der Platz wird vom Stimmengewirr der unzähligen örtlichen Traditionsvereine beschallt. Zwei Ministranten stehen mit einem Handstaubsauger vor der Kirche und saugen die Schwedenbombenreste von der Außenfassade. Die Schwedenbombenfrau ist inzwischen tot.

„Afrika. Wie geil kann ein Land riechen?“

Igor schnuppert an seinen Achselhöhlen, aus denen einen Überdosis AXE Afrika auf den Badezimmerboden tropft und er inhaliert den ersten außerkontinentalen Kulturkontakt seines Lebens. Mit einem Waschlappen wischt er sich das überflüssige Haargel von der Stirn, er rammt sich Wattestäbchen in die Ohren bis sie blutsauber sind und sein Zahnfleisch wirkt nach zwölf Putzvorgängen angespannter als er selbst. Irgendetwas wirkt heute anders, schmerzloser als noch die Tage davor. Wie ein Schwertschlucker stopft er sich die Haarnadel seiner Schwester in die Nase, um das letzte Stück festgewordenen Rotz herauszustechen. Igor fühlt sich bereit für das Fest. Mit blutverschmiertem Taschentuch erscheint er beim Sonntagsfrühstück und seine Eltern wundern sich nicht mehr als sonst.

Die Festmesse ist besser besucht als jeder normale Gottesdienst. Der festlich geschmückte Pfarrer ärgert sich in seiner Festpredigt metaphorisch über die Moral der Festgemeinde und ermuntert diese zu einem regelmäßigeren Kirchgang, auch außerhalb der Festzeiten. In den vorderen Reihen reden die alten Frauen über den Todesfall vor dem Fest, in den hintersten Reihen hört man die Töne von Candy Crush und in der Mitte greift ein Kind sich eine gesegnete Festschwedenbombe aus dem Korb der Mutter und drückt sie dem Mann vor sich in den Hinterkopf. Igor beobachtet dieses Schauspiel und muss sich das Lachen so fest unterdrücken, dass sein Kopf fast explodiert. Die frische Haarnadelwunde in seiner Nase beginnt wieder zu bluten und langsam perlen dunkelrote Tropfen von seiner Funktionsjacke ab. Auch wenn sie billig war, die wasserabweisende Technologie funktioniert. Scheiß Markenkleidung, denkt Igor und steckt sich die Zuckermasse der Schwedenbombe in die Nase, um die Blutung zu stoppen. Kurz brennt es, aber dann wirkt der Pfropf und Igor schreitet zur Kommunion bevor er die Kirche wieder für ein Jahr verlässt.

Pommes gibt es nur zweimal im Jahr: Im Freibad und beim Fest. Geschmückt mit einem großen Fleck Mayonaise trägt Igor seine Kinderportion entlang der Uferpromenade spazieren und beobachtet den Festbürgermeister und die Festprinzessin, die auf ein Fass einhämmern, um den Festanstich durchzuführen. So eine große Festbühne wie dieses Jahr gab es noch nie, schreit der Obmann des Ortsverschönerungsvereins in die schlecht eingestellte Musikanlage. Der Sohn des Kapellmeisters dreht verzweifelt an den Knöpfen des Mischpults bis der erste Lautsprecher explodiert. Mit wachsender Belustigung beobachtet Igor das absurde Treiben.

Es tut so gut, die Festgemeinde dabei zu beobachten, wie sie sich unmenschliche Fleisch- und Knödelberge auf die Plastikteller schaufeln, die sich ächzend durchbiegen, bis sie endlich auf einer der unzähligen Biergarnituren abgestellt sind. Der Bratensaft spritzt unkontrolliert durch das hunderte Quadratmeter große Festzelt. Kauend schweigen sich die Besucher an und blicken nur noch in die Fettaugen im frisch gepressten Festgetränk.

Igor steckt sich ein Pommes in jedes Nasenloch und sitzt verloren in der Kinderhüpfburg neben seinen Freunden. Zwei Mädchen laufen den Fluss entlang auf der Suche nach ihrer Katze. Der pensionierte Polizist und der alte Mann schlafen gemeinsam im alten Renault am Dorfplatz. Die alte Frau ist tot. Kommen können beim Fest immer alle gemeinsam, aber gehen muss jeder allein. Denn vor dem Fest sind alle gleich.


(c) Markus Schwarz 2017

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Das Beitragsbild wurde von Gregor Taschl aufgenommen und grafisch adaptiert vom Verein Aufschrei. Die Rechte bleiben beim Fotografen (c) Flickr Creative Commons Licence.

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